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Kopfkino eines zahlenfixierten Läufers

Achilles' Verse von Achim Archilles

Kopfkino eines zahlenfixierten Läufers

Zehn Kilometer unter 45 Minuten: eine neue Bestzeit, die zu knacken sein muss! Beim Schlösserlauf in Potsdam ist Wunderläufer Achim Achilles jeder Psychotrick recht, um sein Ziel zu erreichen. Das Minutenprotokoll offenbart, was sich dabei in seinem Hirn abspielt.

Leistungssportler, die ihre Karriere beenden, verwandeln sich oft zurück in richtige Menschen. Der Körperfettanteil wächst, die Trainingszeit reduziert sich von mehrmals täglich auf manchmal wöchentlich. Endlich muss das Bier nicht mehr heimlich getrunken werden.

Bei Freizeitsportlern ist es umgekehrt. Nach vier Jahrzehnten Lotterleben entwickeln gerade Läufer und Radfahrer psychische Verhaltensauffälligkeiten und neigen zur sozialen Verwahrlosung. "Mutti, Mutti, wer ist der stinkende Mann im Flur?" fragen die Kinder, Party-Einladungen bleiben aus, RTL II plant das Reality-Format "Läufer sucht Gespräch."

Besonders peinlich ist die egomanische Leistungsgeilheit. Zielzeiten, die sich der Profi nicht mal im Training erlauben würde, verwandeln den Amateur in einen Zombie: Für Marathon unter vier Stunden, den Halben unter 1:45 Stunden und zehn Kilometer unter 60, 50, 45, 40 Minuten verlassen Hobbyläufer ihre Familien. Und die sind froh darüber.

Was genau im Hirn eines sabbernden Hobbyläufers passiert, der sich auf die Jagd nach einer neuen Bestzeit begibt, schildert das Minutenprotokoll des Achim Achilles vom Schlösserlauf in Potsdam.

Acht Minuten vor dem Start:

Magen, Blase und Wade drücken um die Wette. Zum vierten Mal aufs Dixi. Diesmal nicht die Startnummer reinfallen lassen. Der doppelte Guarana-Koffein-Shot verträgt sich nicht mit dem Energy- Gel. Dafür waren die Kompressionsstrümpfe eine gute Wahl. Bei Regen werden sie schwer und liefern eine gute Ausrede. Ich fühle mich super. Heute klappt es wieder nicht. Alles tut weh. Heute mache ich alle platt. Ich will nicht.

30 Sekunden vor dem Start:

"Final Countdown". Immer wieder dieser Schweine-Rock. Um mich herum gute Laune. Die verstellen sich doch. Mir ist speiübel. Mist, Uhr vergessen. Das neue Ding kapiere ich nicht. Oben links zweimal drücken, dann unten rechts, dann... - noch mal von vorn. Startschuss. Uhr drücken, laufen, Brechreiz ignorieren. Panik. Attacke. Panacke.

Kilometer eins, 4:28,4 min

Startgetümmel vorbei. Zeitlich voll im Plan. Wer unter 45 Minuten bleiben will, sollte jeden Kilometer unter 4:30 absolvieren. Eine Kopfrechenaufgabe, die auch mit Vakuum im Hirn zu schaffen ist.

Kilometer zwei, 4:22,9 min

Puuh. Ganz schön fix. Noch fünfmal diese Strecke. Schaff ich nie. Die Frau mit den krummen Beinen, an der ich mich festsaugen wollte, ist leider entschwunden. Nehme ich eben den Methusalem da vorn. Ich kann nicht mehr.

Kilometer drei, 4:31,3 min

Ich gucke alle vier Sekunden auf die Uhr - sicheres Zeichen von Schwäche. Opas Windschatten rettet mich. Von Schlössern ist beim Schlösserlauf nicht viel zu sehen, dafür Mietshausruinen. Paläste, Hütten - oh, wunderlicher Osten.

Kilometer vier, 4:47,3 min

Läufer kennen das Phänomen der selektiven Wahrnehmung. Zeigt die Uhr ein schnelleres Tempo, glaubt

man's sofort. Langsamere Zwischenzeiten weisen dagegen auf einen Messfehler hin. Oder habe ich vielleicht doch getrödelt? Opa ist schuld. Ich habe Minus auf dem Zeitkonto, auch wenn sich die Beine ganz anders anfühlen.

Kilometer fünf, 4:35,6 min

War ja klar. Kaum verlasse ich Opas Windschatten, geht es bergauf. Pulshämmern in den Ohren. Hurra, Hecken. Das erste Schloss. Letzte Kraft. Ich könnte ins Gebüsch, aber das kostet 20 Sekunden. Und was ist, wenn Blut tröpfelt?

Kilometer sechs, 4:37,7 min

Die Sekunden tropfen zäh wie Sauce Hollandaise. Sabbern ersetzt Atmen. Beton im Bein. Und Zoff im Kopf:

Tempo erhöhen, los jetzt! Ich kann nicht mehr. Doch, Du kannst!?Nein, kann ich nicht.

Was sollen die Zuschauer denken??Welche Zuschauer? Das sind Frühtrinker da auf der Parkbank, die jubeln nicht, die lachen sich kaputt. Quatsch nicht, renn! Denk an die magische 45-Minuten-Schwelle.?Ich scheiß auf magisch.?Du hast es Dir doch immer so gewünscht.?Jetzt aber nicht mehr.?Halt endlich die Klappe. Wer noch Widerworte geben kann, quält sich nicht richtig.?Kilometer sieben, 4:35,7 min

Ich quäle mich richtig. Infarktzone. "Ab Kilometer sechs zeigt sich dein Charakter", sagt Lauftrainer Piet Koennicke. Was sich wie Tempoverschärfung anfühlt ist in Wirklichkeit gerade mal Kontinuität. Blutleere im Hirn, stumpfes Wiederholen meines Mantras: "Ich würgte einst die Klapperschlangen bis ihre Klapper schlapper klangen."

Kilometer acht, 4:30,0 min

Leicht bergab. Große Schritte. Gewicht rollen lassen. Erste Überholopfer. Neue Strategie. Die blöden Kilometer vier bis sieben einfach vergessen und alle Kraft ins Finale. Aber: Wo fängt der Endspurt an? 300 Meter reichen mir eigentlich. Heldenhaft nehme ich mir den letzten Kilometer vor.

Kilometer neun, 4:29,6 min

Verdammt, verdammt, verdammt. Warum kann ich auf den vorletzten beiden Kilometern superkonstant eine 4:30 rennen, aber vorher nicht? Opa ist schuld. Die Steigung. Potsdam. Entscheidende Frage: Kann ich auf den letzten Metern gut machen, was ich zuvor vertrödelt habe? Jetzt visualisieren, sagen die Sportpsychologen. Ich versuche, mir einen Gepard vorzustellen. Aber ich sehe immer nur einen Waschbär kopfüber im Mülleimer.

Kilometer zehn, 4:09,3 min

Da, das letzte Kilometerschild am Straßenrand. Eigentlich wollte ich jetzt den Endspurt beginnen. Kein Leichtsinn. Lieber warten. Nur noch ein paar Meter. Plötzlich rennt der Trödelopa vorbei. Nichts da. Du kannst den ganzen Tag trainieren, weil ich artig meine Beiträge in die Rentenkasse zahle. Und zum Dank auch noch überholen? Wie ein Waschbär auf Epo jage ich dem Senior im gestreckten Galopp nach. Zwei Kurven, Finale im Stadion. Ich sterbe, aber kein Schwein guckt. Immerhin Opa geplättet. Ha!

Natürlich fehlen sieben verdammte Sekunden. Mir völlig egal. Diese Zahlenfixiertheit geht mir schon

lange auf die Nerven. Ein schöner Lauf war's. Das allein zählt doch.

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